Viele Ferien auf einmal - Unterwegs in Friaul Julisch Venetien (Reisebericht)

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Wir haben es da einfacher. Auf der Terrasse von Harry’s Bar erleben wir die Verleihung des MTV Europe Music Award Italien. Die Reihe der Spitzenkünstler und Bands ist scheinbar endlos. Ihren Sound kann man hören und spüren, Zwerchfell und Bauch schwingen mit. Die Kellner nehmen’s gelassen, nur gelegentlich verhindern sie, dass unsere Genießer-Terrasse zum Durchgang für die jugendlichen Besucher wird, wenn in dem schmalen Streifen zwischen Restaurant und Bühnenabsperrung nichts mehr geht. Wir haben das Menu della Casa bestellt, drei Gänge Fisch plus Dessert, für € 55,- an dieser exponierten Stelle ein sehr akzeptables, ganz und gar nicht touristisches Angebot - und wünschen ungestört zu speisen.
Vor zwei Tagen sind wir, mit dem Nachtzug von Frankfurt kommend, morgens ausgeschlafen und bester Laune pünktlich um 10.14 Uhr in eine andere Welt gefallen. Triest ! Keine Zeit zu verlieren ! Gleich nach dem Check-In eine Stadtführung in Begleitung eines - Audio-Guide. Die Geräte gibt’s im Büro der örtlichen Turismo FVG auf der Piazza dell’Unità, rechts neben dem Rathaus. Wer damit durch Triest marschiert outet sich zwangsläufig als Tourist, der keine Ahnung hat und die Stadt wahrscheinlich zum ersten Mal besucht. Aber derartige Schamgefühle sind auszuhalten, wenn man Schwerpunkt und Dauer der Tour selbst bestimmen kann.
Der Guide hat eine Menge zu berichten. Triest erlebte eine bewegte Geschichte. Schon zu Zeiten des Imperium Romanum war es bedeutende Hafenstadt mit einem Amphitheater, das 6000 Menschen Platz und – über die Bühne hinweg - einen panoramischen Blick auf das Meer bot. Nach dem Untergang des Weströmischen Reichs 476 herrschten Ostgoten, Byzantiner und Langobarden, bis die Stadt 774 dem Reich Karls des Großen einverleibt wurde. 1203 folgte die Eroberung durch Venedig. Für die nächsten 180 Jahre besteht die Geschichte Triests hauptsächlich aus Konflikten mit Venedig, die schließlich damit beendet wurden, dass es sich 1382 (bis 1918!) unter den Schutz Österreichs stellte. Insbesondere in der Zeit nach 1719 förderte Österreich die Region in besonderer Weise. Triest verdankte seine Bedeutung dem Umstand, der einzige Meeres-Zugang der Donau-Monarchie zu sein. Besonders nach dem Niedergang Venedigs 1797 erlebte die Stadt einen grandiosen wirtschaftlichen Aufschwung und löste die Serenissima als Handelszentrum ab. Aus dieser Zeit stammen denn auch die schönsten und wichtigsten Gebäude wie z.B. das Opernhaus, die Börse und die meisten Herrschaftshäuser.
Nach 1918 wurde es sehr ruhig, die Region kam zu Italien und fiel in die Bedeutungslosigkeit, der Handel brach weg. Durch den Ost-West-Konflikt nach 1945 verschärfte sich die Situation, die Balkanstaaten waren durch den eisernen Vorhang verschlossen, Triest isoliert. Das änderte sich erst nach dem Fall der „Mauer“. Mit dem Eintritt Sloweniens in die EU im Jahre 2004 verlor die Region endgültig ihre jahrzehntelange Randposition. Heute kann man Slowenien und das östliche Hinterland ohne Grenzkontrollen erreichen, die monumentalen, verlassenen Autobahn-Grenzstationen wirken wie aus einem längst vergangenen Zeitalter.
Den Kontrast zu der lebhaften Metropole bietet ein Ausflug in den Karst, die nördliche Hochebene. Man erreicht ihn mit der Tram di Opicina, einer außergewöhnlichen Straßenbahn aus der Zeit um 1900. Denn irgendwann wird der Anstieg zu steil, die Tram rollt rückwärts, klinkt sich ein in Zugseil und lässt sich durch städtische Serpentinen den Berg hinauf ziehen. Der Karst ist die grüne Lunge der Stadt, hier treffen sich Spaziergänger, Radfahrer, Jogger, es gibt ausgedehnte Parks und eine dörfliche Infrastruktur.
Als erstes geht es auf die Suche nach einer Osmizza. Das ist eine Art Gutsausschank, zu essen gibt es hausgemachte Wurst, Schinken und Käse serviert vom Winzer persönlich. Die Osmizza geht zurück auf einen kaiserlichen Erlass, der den Bauern kurzzeitig die Bewirtung erlaubte, und ist traditionell nur 10 Tage geöffnet. Der Winzer hängt einfach ein Bündel frischer grüner Zweige an die nächste Straßenecke, versehen mit einem die Richtung weisenden Pfeil. Zeigt der Busch sich braun und verdorrt, weiß der Gast, dass die 10 Tage um und die Osmizza geschlossen ist.
Nicht weit von Opicina befindet sich die „Grotta Gigante“. Grotta ? Schon wieder eine Höhle ? Das kennt man doch ! Aber diese Grotte ist besonders. Die grösste begehbare Höhle der Welt, 107 Meter hoch, so gross wie der Petersdom. Eine unterirdische Kathedrale ! Abstieg und Wiederaufstieg dauern ca. 1 1/2 Stunden, und bei konstant 13 Grad wird es langsam kühl.
Wie wär’s nun mit etwas Kultur? Der Bus fährt uns zu dem nicht weit entfernten, etwas erhöht an der Adria belegenem Schloss Duino. Hier wurde der Überlieferung nach in der Antike Mithras als Sonnengott verehrt. Die Grundmauern des wuchtigen, befestigten Turmes sind 2000 Jahre alt, der Besuch von Kaiser Diokletian ist dokumentiert. Das Schloss selbst stammt aus dem 14. Jahrhundert und wird heute von den Prinzen della Torre e Tasso bewohnt – ganz recht, die von Thurn und Taxis. Großzügig haben sie das Ensemble für Besucher geöffnet.
Das Schloss atmet den Geist des aufgeklärten Humanismus. Im 19. Jahrhunderts öffnete die Familie ihre Salons den Eliten aus Kunst, Kultur und Literatur, Johann Strauss und Franz List, Mark Twain, Paul Valéry, Gabriele d’Annunzio, Hugo von Hoffmannsthal und natürlich Rainer Maria Rilke (Duineser Elegien). Aus dem politischen Leben waren u.a. Elisabeth von Österreich, Maximilian von Habsburg (wir werden ihm sogleich begegnen) und der Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich kurz vor seiner Abreise nach Sarajewo Gäste der Fürsten. Der vorletzte Besitzer, Prinz Raymond della Torre e Tasso, rief zahlreiche wissenschaftliche und kulturelle Einrichtungen ins Leben, die u.a. den Gedanken der Überstaatlichkeit fördern. Das Schloss wirkt daher alles andere als museal, es ist lebendige paneuropäische Geistesgeschichte.
Dies alles verhöhnend haben die Nazis während der Besetzung 1943 bis 1945 eine riesige Bunkeranlage in den Fels betoniert, von hier aus sollte die Invasion der USA mit schwerem Geschütz verhindert werden.
Tags darauf geht es nach Aquileia, heute - abgesehen von ein paar vorzüglichen Weingütern wie z.B. das Ca’Tullio - ohne Bedeutung. Vor 2000 Jahren war es eine römische Stadt mit 200.000 Einwohnern, so gross wie Rom. Schwerpunkt waren schon damals Handel und Schifffahrt. Die antiken Kaianlagen und Lagerhäuser, erst vor ca. 100 Jahren wieder entdeckt und von Mussolini als Monument italienisch-römischer Größe prunkvoll präsentiert, hatten eine Gesamtlänge von 3000 Metern, man konnte bei Ebbe und Flut auf unterschiedlichen Ebenen anlegen.
In Aquileia ist der Zerfall der griechisch-römischen Religion und die Faszination, die das Christentum damals auf die Menschen ausübte, noch immer erlebbar. Etwa um 330 n.Chr. hatte man gleich zwei Basiliken nebeneinander errichtet. Die eine Kirche war für die getauften Christen bestimmt, die andere für die noch nicht getauften Gläubigen. Denn anders als heute genügte es damals nicht, ein paar Fakten auswendig zu lernen; man musste mehrjährige Erfahrung und Unterrichtung mitbringen, um als Christ „eingeweiht“ zu werden. Für diese Gruppe der „werdenden Christen“ gab es also einen eigenen, besonderen Gottesdienst und folglich ein eigenes Kirchengebäude, bis sie den Weg in das Baptisterium nehmen durften. Die Kirche aus dem Jahr 330 ist durch einen neueren Bau ersetzt, aber die Mosaiken der Fußböden beider Kirchen sind erhalten und wirken überaus lebendig wenn man weiß, dass die Täuflinge nicht lesen und schreiben konnten und ihre Anschauung aus den Bildern bezogen.
Im Gegensatz zu Aquileia hat das nahe, auf einer Insel gelegene Städtchen Grado heute noch grosse Bedeutung als Kur- und Badeort. Auch hier finden sich Kirchen und Mosaike aus dem 4. Jahrhundert, aber neben seinen ca. 5000 Einwohnern vermag Grado bis zu 100.000 Erholungssuchende aufzunehmen. Im 19. Jahrhundert verband Österreich die Insel durch eine befestigte Strasse mit dem Festland und es wurde eine Eisenbahnlinie angelegt (die derzeit demontiert wird), um die Erholungssuchenden in den Süden mit zu nehmen.
Seit der Christianisierung bilden beide Ortschaften quasi eine Einheit. Aquileia wurde im Zuge der Völkerwanderungen immer wieder zerstört, von Westgoten, Hunnen und Langobarden. Die Bevölkerung flüchtete auf die Insel Grado, unter Mitnahme immenser Schätze und handwerklicher Fähigkeiten. Aber auch dort war niemand wirklich sicher und an eine Zukunft war nicht zu denken. Also zogen diese Menschen auf die Inseln um Rialto, hatten Teil an der Gründung des heutigen Venedig (25. März 421), eine Stadt, die militärisch kaum zu erobern war und sich politisch und wirtschaftlich entsprechend den Fähigkeiten und Talenten ihrer Gründer frei entfalten konnte. Die Kunst der Glasbläserei wurde von Aquileia nach Venedig tradiert. Darauf sind die Friauler noch heute stolz.
Für den Abend wurde uns die „Antica Trattoria Suban“ in Triest empfohlen, die seit 1865 von der Familie Suban geführt wird. Hier gibt es die lokalen Spezialitäten wie Jota (Gemüsesuppe mit Kartoffeln und Sauerkraut), Scampi à la Busara, Fischsuppe, Stockfisch Triestiner Art, Gulasch sowie Apfelstrudel und Gugelhupf tatsächlich in feinster Ausführung.
Samstag, unser letzter gemeinsamer Tag. Wir fahren auf Schloss Miramare, das etwas nördlich von Triest direkt an der Adria auf einem Felsvorsprung nach dem Willen des österreichischen Erzherzogs Maximilian von Habsburg, jüngerer Bruder von Kaiser Franz Joseph I, für sich und seine Frau Charlotte, Prinzessin von Belgien, errichtet wurde. Maximilian war im besten Sinne frühreif. Schon als Junge entdeckte er seine Liebe zum Wasser, trat mit 18 in die österreichische Armee ein und war bereits mit 22 Jahren Oberbefehlshaber der K.u.K. Kriegsmarine, die er in den folgenden Jahren reorganisierte.
Der Legende zufolge wurde Maximilian im Verlaufe eines Sturms an die Küste des kleinen Fischerdorfes Grignano geworfen. Als sich am nächsten Morgen die Regenwolken verzogen, „entdeckte“ er besagtes Felsplateau und war sofort verliebt. Aber das mag nur verklären, dass die Mächtigen und Reichten meist auch die schönsten und exklusivsten Lagen in Besitz nehmen, was bei dem weniger begüterten Teil der Menschheit gelegentlich Neidgefühle erweckt.
Jedenfalls errichtete Maximilian bei Grignano das schönste, prunkvollste Schloss der Region, und dafür ist man ihm heute dankbar. Denn die Anlage mit ihren weissen Außenmauern, den beiden versetzt angeordneten, dreigeschossigen quadratischen Hauptflügeln, die durch einen großzügigen Mittelflügel diagonal verbunden sind, hebt sich beeindruckend ab von der Adria und dem Schlosspark. Miramare ist Blickfang und Attraktion. Der feinsinnige reiche Innenausbau – die Zimmer spiegeln die Vorlieben und Gefühle ihrer Bewohner - ist in dem originalen Zustand der Jahre ab 1850 zu besichtigen.
Nach einem kleinen Spaziergang durch den üppigen, verführerischen Park nehmen wir die Stufen hinunter zur Marina des Dörfchens Grignano. In der „Tavernetta al Molo“ gab es, was die Italiener ein „leichtes Mittagessen“ nennen: Eine ordentliche Portion Meeresfrüchte, einen Beilagensalat, der bei und als „Cesars Salat“ durchgehen würde, eine riesige Menge frittierter Edelfische nebst Pasta sowie ein Dessert nach Wahl. Keine Delikatessen, aber alles „molto bene“.
Nicht weit von Miramare, näher noch an Duino, liegt in einer natürlichen Grotte ein Tempel des Gottes Mithras. Der Mithras-Kult entstand im 1. Jahrhundert n. Chr. und wurde vor allem von römischen Soldaten praktiziert. Über seine Inhalte weiß man wenig, die Anhänger waren zum Schweigen verpflichtet. Sie wurden nach und nach in die höheren Mysterien eingeweiht. In allen Mithras-Tempeln finden sich Darstellungen, wie der Gott einen Stier tötet „Zur eigenen Erlösung und zur Heilung seiner Brüder“ wie die Inschrift besagt. Mithras wurde als Lichtgestalt ähnlich dem Sonnengott und als Welterlöser verehrt. Im 4. Jahrhundert hatte er eben so viele Anhänger wie das Christentum, der Kult konnte sich aber nicht durchsetzen, auch weil Frauen, die Religion an ihre Kinder weitergeben, nicht zugelassen waren.
Die meisten Mithräen wurden im Zuge der Christianisierung zerstört oder sind zerfallen. Das Mithräum bei Timave ist eines der wenigen noch gut erhaltenen und das weltweit einzige in einer natürlichen Höhle.
Am Abend treffen wir uns dann also wieder in Harry’s Bar. Mit lauter schönen Eindrücken über eine Region, die vielen noch immer weithin unbekannt ist. Aber niemand hatte so richtig verstanden, was das Typische ist an Friaul Julisch Venetien. Auch andere italienische Städte wie Neapel oder Siena hatten doch Außergewöhnliches zu bieten – eine bedeutungsvolle Historie, Architektur aus 2 Jahrtausenden, einzigartige Kunstsammlungen, landestypische Küche und ureigenes Flair. Was ist also das Besondere, das Einzigartige an Triest, an Friaul Julisch Venetien?
Auf diese Frage antwortete unsere Gastgeberin Debora Dal Don vom Turismo FVG ohne Zögern: „Es ist unsere Vielseitigkeit. Hier leben verschiedene Nationalitäten, Friaulisch, Slowenisch und Deutsch sind als Minderheitensprachen anerkannt, in dem am Ende eines Alpentales liegenden Sauris orientieren sich die Menschen an der Kultur aus der Zeit ihrer Einwanderung um 1500, während man in Triest in einem nach dem Vorbild der Scala errichteten Opernhaus Weltklasse erleben kann. Wir kennen die Kulturen dieser Welt und haben sie mit geprägt und sie haben uns geprägt – das österreichische Kaiserreich, Venedig, die Türkei und früher Kelten, Römer, Langobarden. Wir haben luxuriöse Badeorte wie Lignano und Grado mit allen sportlichen und thermalen Möglichkeiten, es gibt 5 Skiorte, Triest war im 19. Jahrhundert eine Literaturhauptstadt Europas, Museen und Kirchen zeigen die zahlreichen Gesichter der Kunst, unsere Weine haben ihr eigenes Gesicht und ihre eigene Sprache, unsere Küche hat über Jahrhunderte aus den verschiedenen kulturellen Einflüssen ihre besondere, lokal sehr verschiedene Tradition geschaffen, die Landschaft bietet Berge und Meer, 16.000 Hektar Lagunen, den Karst, weitläufige Ebenen, 2 Naturparks, 13 Reservate, viele Seen. Geschichte Kultur, Natur, Sport, Wellness – unsere Gäste machen viele Urlaube in einem.
Wir Menschen hier sind geprägt von einer wechselvollen Geschichte, in der wir im Brennpunkt standen und Reichtum schafften, um dann in die Bedeutungslosigkeit zu fallen. Wir waren Schauplatz von Weltkriegen und Völkerwanderungen und sind doch immer wieder aufgeblüht. Während also die Gunst eines übermächtigen Schicksals kommt und geht, haben wir unsere Wurzeln in diesem wunderbar reichen Land, das immer für uns da war und uns immer versorgen wird, durch Landwirtschaft, Fischfang, Handel, Tourismus und andere Dienstleistungen. Dieses Land gibt uns Kraft, Ruhe und Gelassenheit.“
In diesem Moment betritt eine Band die Bühne, die Kids jubeln und eine Verständigung ist unmöglich. Ich denke über Debora’s Worte nach, und es fühlt sich richtig an, was sie sagt.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Autors
Matthias Lubcke
presserheinmain(at)aol.com
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