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Reisebericht Tiflis
18.8.2010
Morgens um acht sitze ich auf dem Balkon und beobachte das wundersame Treiben auf der Strasse. Ein Getränkehandel, der gleichzeitig Kupplungsscheiben und Außenspiegel verkauft, öffnet. Männer stehen vor verschiedenen Autos und fachsimplen über dies und das. Frauen fegen die Strasse. Überhaupt wird (das fällt mir später auf) immer und überall die Strasse gefegt. Auch wenn alles in sich zusammenfällt, es wird die Strasse gefegt. Es regnet nicht mehr und die Luft ist spürbar frischer. Nach einem Kaffee und einem kleinen „Gruß aus der Küche“ starten wir. Im Treppenhaus riecht es nach Gas. Macht nix, wir verlassen ja das Haus. Wir gehen die Kakelidze-Str. hoch und wollen zum „Turtle-Lake“, einen auf dem Mtazminda-Berg gelegenen in die Jahre gekommenen Freizeitpark oberhalb von Tbilisi. Nach einer halben Stunde kommen wir am Berg nicht weiter und nehmen ein Taxi, das uns quer durch die Stadt am Fußballstadion vorbei auf den Berg fährt. Eigentlich fährt hier auch eine Seilbahn hoch, die ist aber seit 2008 außer Betrieb.
Nicht desto trotz kann man auf und in den Betriebsgebäuden der Seilbahn rumlaufen. Etwas Lebensgefährlich aber auch sehr befreiend, dass nicht immer alles gleich abgesperrt ist. Man hat von hier einen fantastischen Blick über die Stadt. Die Ganze Freizeitanlage versprüht einen sozialistischen Charme längst vergangener Tage. Das Wasser im See ist tiefgrün, ein paar Menschen baden, andere fahren in vom Untergang bedrohten Tretbooten. Am Kieselstrand liegen drei Grazien und direkt daneben wird mit einer Farbpistole ein Boot lackiert. Wolken aus Lösungsmitteln ziehen durch das Cafe in dem wir sitzen, Kaffee trinken und verschiedene Käsesorten, Salate und Wallnüsse Spinat-Minz-Soßen kosten.
Hier trinke ich das erste Mal das berühmte Borjomi-Mineralwasser. Es enthält bis zu 7gMineralstoffe auf 100ml und soll sehr gesund sein. Moskau hat 2008 die Einfuhr verboten, weil es gesundheitgefährdend sein soll, aber das ist wohl eher eine politische Entscheidung. Möglich ist wohl beides. Es schmeckt wie Brackwasser. Am Nebentisch sitzen Männer, spielen Backgammon und trinken Bier. Ein melancholisch-morbides Gesamtensemble. Wir gehen den Berg ein wenig herab zum Ethnografischen Museum „Giorgi Tschitja“. In diesem Museumsdorf sind Original Wohnhäuser aus verschiedenen Epochen und verschiedenen Regionen Georgiens aufgebaut. Unser Führer, George, erzählt, dass er auch mal in Hamburg war und beim „Markt der Kulturen“ des Völkerkundemuseums mitgewirkt hat. Er ist viel rumgekommen, hat in den USA Kunst studiert und seine Bilder auch schon in Japan ausgestellt. Er schwärmt von vergangenen Zeiten als man noch nach Abchasien („...der schönste Platz der Welt!“) reisen konnte und die russischen Touristinnen in Scharen kamen, weil sie die Georgier viel attraktiver fänden als Ihre Landsleute. Mit einem verschmitzten Lachen erzählt er „…if you are a smart boy, you won’t have any problems with the russian ladys !“
Zurück in unserem Stadtteil angekommen, gurgelt Wasser in nicht unerheblichem Ausmaß aus Rissen in der Strasse. Als wir zu Haus ankommen stellen wir fest, dass es zwar nur noch ein bisschen nach Gas riecht, wir aber kein Wasser mehr haben. Abends essen wir wieder im Lokal des Vortags. Wir haben uns zuvor DAS „In-Viertel“ und die „Szeneläden“ in der Achwlediani-Str. angeschaut, sind aber wieder abgedreht (zuviel Irish-Pubs, und ausländisches Bier). Überhaupt ist das was hier gerade als „in“ gilt, wie z.B. das Elvis-Restaurant oder die Dekos in verschiedenen Restaurants, Bars und Cafes eher 80er Style oder russischer Glitter-Chic. Am Abend sitzen wir noch lange mit Bier der Marke „Natakhtari“ auf unserem Balkon und beobachten, wie zwei Männer versuchen einen Mercedes mit blockierten Hinterreifen von einem Autotransporter zu ziehen. Die ganze Aktion dauert etwa 2h aber am Ende gelingt es. Autos spielen überhaupt eine große Rolle. Immer wieder hören wir das (auch in anderen Ländern weit verbreitete) „Deutschland: Ah, Mercedes!!“
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Autor: Hinrich Brumm
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